Lammert: Kirchenspaltung ist letzter Anachronismus

Meldung

Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann haben auf dem 100. Deutschen Katholikentag über das Ziel der Ökumene gestritten.

Die Kirchenspaltung sei "der letzte große Anachronismus", sagte Lammert am Freitag in Leipzig. "Das, was sie damals verursacht hat, ist schlicht erledigt - und wir halten sie aufrecht", fügte Lammert hinzu. Die Folge sei, "dass das, was uns spaltet, wichtiger ist als das, was uns verbindet".

Als Laie würde er jedes Wort unterschreiben, konterte Lehmann, der sich gegen eine oberflächliche Ökumene wandte. Aus theologischer Sicht sei das aber nicht so einfach. So gebe es Differenzen, die so nicht stehen gelassen werden könnten, sagte er mit Blick auf das Amtsverständnis und die Eucharistie. Diese müssten beseitigt werden. Er sei zudem traurig darüber, dass so vieles, was seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) erreicht worden sei, vergessen werde. Lehmann sprach sich für das Erstellen sowohl eines Zwischenberichts mit Erreichtem als auch eines Programms mit dem noch zu Erreichendem aus.

Es darf nicht beim Zwischenbericht bleiben

Der Kardinal räumte ein, dass die Frage der Einheit energischer angegangen werden müsse. "So viel Zeit haben wir nicht mehr." Beide Seiten müssten alles tun, damit es nicht bei einem Zwischenbericht bleibe.

Lammert warnte davor, das Jahr des Reformationsgedenkens ungenützt verstreichen zu lassen. Er habe die Sorge, dass 2017 "mit einer Riesenmenge an Literatur, Dutzenden von Kolloquien und Seminaren" sowie "grandiosen Festgottesdiensten" begangen werde - "und danach ändert sich nichts". Viele hielten den Weg schon für das Ziel, meinten, es sei doch schön, unterwegs zu sein und freuten sich über den "gemütlich gewordenen Ton" unter den Konfessionen. "Aber niemand hat die Absicht, irgendetwas zu ändern", so der Bundestagspräsident.

Weinrich: Versöhnte Verschiedenheit ist möglich

Der evangelische Paderborner Theologe Michael Weinrich plädierte für einen dynamischen Einheitsbegriff. Notwendig und möglich sei eine "versöhnte Verschiedenheit". Schon jetzt trage jede Kirche in sich eine solche versöhnte Verschiedenheit, da sie unterschiedliche Gruppen in sich vereinige. Dabei gehe es darum, Verschiedenheit nicht als Gegeneinander zu denken.

Lammert erwiderte, als Demokrat könne er mit Verschiedenheit leben und als Christ sehr gut mit Versöhnung. "Aber versöhnte Verschiedenheit für das Ziel von Ökumene zu halten, ist die Kapitulation." Schuld am geringen Fortschritt sei ein "Selbsterhaltungsprinzip" der Institutionen innerhalb der Kirchen, die sich selbst für wichtiger hielten als das Ziel der Einheit.

jsw/cas

Diese Seite teilen