"Hass und Hetze gehören nicht zu Deutschland"

Reportage

Börek, Pide und Lahmacun. Kennt man. Welche Rolle dieses Essen beim interreligiösen Dialog spielt, welches Gericht die drei Weltreligionen verbindet und was die AfD damit zu tun hat, erklären gläubige Muslime der Takva Moschee in Leipzig.

Von Julia Haase, Julia Blum und Felix Flaig

In der Leipziger Rosa-Luxemburg-Straße stehen die Menschen in einer Schlange bis auf die Straße. Sie warten. Auf Essen. Doch diese Szene spielt sich nicht etwa zur einer Zeit ab, in der die Menschen hungern mussten, sondern bei einer Veranstaltung beim 100. Katholikentag im Jahr 2016. Die Menschen, die sich mit grünem Schal als Besucher der Veranstaltung zu erkennen geben, warten vor einer Moschee. Auf orientalische Köstlichkeiten und Dialog.

Mehr als 100 Menschen kamen zum Angebot im Hof vor der Takva Moschee.

Häufig drehen sich Gespräche zwischen Christen und Muslimen um Stereotype wie die terroristischen Aktivitäten im Namen des Islam und das Kopftuch. Doch nicht Kritik, sondern Neugierde lockt die Besucher zur Veranstaltung des Themenbereichs "Christlich-islamischer Dialog" auf den Innenhof der Leipziger Takva Moschee. Hatice Seckin ist die Vertreterin der Frauen in der muslimischen Gemeinde. Sie trägt ein Kopftuch. Keine Verschleierung. Abfällige Blicke träfen sie selten. "Das Kopftuch ist kein Zwang. Wenn ich eine gläubige Muslima bin, dann trage ich Kopftuch. Und das mit dem Herzen", sagt sie. Wer sich von vorne herein weigere, das zu verstehen, dem könne sie das "auch mit 1000 Worten" nicht erklären.

Trotzdem fällt sie mit ihrem Kopftuch auf. Wie so viele andere Muslima. Ein Besucher versucht zu erklären: "Das liegt aber nur daran, dass es bei uns kulturell anders ist. Wenn wir halbnackt in deren Länder herumlaufen würden, würden die Menschen dort doch auch schauen." Gegenseitiger Respekt und Akzeptanz des Anderen seien doch die entscheidenden Punkte. In seiner Heimatgemeinde gäbe es viele muslimische Flüchtlinge, die beim Fastenbrechen in der katholischen Fastenzeit die Gemeinde bekocht hätten. Interreligiöser Dialog praktisch angewandt.

Hatice Seckin trägt ihr Kopftuch aus Überzeugung und "mit dem Herzen".

Muhsin Emiroglu von der Takva Moschee ist stolz darauf, dass man gerade hier in Leipzig so viel Kontakt zu christlichen Kirchengemeinden hat: "Oft gehen wir von Veranstaltungen weg und nehmen viele Ideen mit, die wir bei uns auch umsetzen können. Wir lernen viel voneinander, wenn wir miteinander sprechen." Muslime und Christen sollten sich nicht voneinander fernhalten, sondern sich darauf besinnen, was sie verbindet.

Seiner Meinung nach steht der christliche Glaube dem Islam von allen Religionen am Nächsten. Jesus kommt im Koran vor. Nicht als Sohn Gottes, aber als von Gott gesandter Prophet. Ebenso Noah, der eine besonders bedeutende Rolle spielt, wenn es um Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen geht. Auch mit dem Judentum. Die Süßspeise "Aschura" geht auf den Tag zurück, an dem Noah mit der Arche gestrandet ist. Damals sollen er und seine Begleiter aus Resten dieses Gericht gekocht haben. Traditionell wird es bei Muslimen am 10. Tag des heiligen Monats Muharrem aus Kichererbsen, Weizen, Bohnen, Obst, Nüssen und Zucker zubereitet. Eine kulinarische, alttestamentliche Verbindung zwischen Islam, Christentum und Judentum.

Essen verbindet auch Religionen - und das schon seit der Arche Noah.

Essen verbindet auch an diesem Tag die Besucher des Katholikentags mit den Muslimen der Takva Moschee. Gemeinsam sitzen sie an den Tischen vor der Moschee und lassen sich erklären, was da vor ihnen auf den Tellern liegt. Auch der Innenraum der Moschee mit der Anzeigetafel der Gebetszeiten stößt auf großes Interesse. Hatice Seckin freut sich über so viel Andrang: "Wir kommen an vielen Punkten zusammen und sollten viel öfter offen miteinander sprechen. Der Glaube an Gott an sich ist die größte Gemeinsamkeit." Jeder Glaube berufe sich ihrer Meinung nach im Innersten auf Frieden, Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Und dann ist da noch etwas, was in diesen Tagen verbindet: Die spürbare und öffentlich immer wieder verlautbarte Ablehnung von Seiten der AfD. Es sind abfällige Titulierungen von der stellvertretenden Bundessprecherin Beatrix von Storch wie "Gewerkschafts-Staatskirchen-Treffen" über den Katholikentag und Aussagen wie "Der Islam gehört nicht zu Deutschland". Der gläubige Muslim Muhsin Emiroglu ist der Meinung, dass diese Aussagen nicht zur deutschen Kultur der Offenheit passen, in der er aufgewachsen ist und die er auch heute noch erlebt: "Der Hass und die Hetze gehören nicht zu Deutschland."

"Wir lernen viel voneinander, wenn wir miteinander sprechen", findet Muhsin Emiroglu.
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