Barmherzigkeit ist keine Naivität

Meldung

Annette Schavan bricht eine Lanze für mitfühlende Menschen und fordert die Christen zu tätigem Handeln auf: Barmherzigkeit sei kein Gutmenschentum.

Die deutsche Botschafterin im Vatikan, Annette Schavan, hat die Christen aufgefordert, sich in ihrer barmherzigen Hilfe für Notleidende nicht beirren zu lassen. Barmherzigkeit sei kein Gutmenschentum und keine Naivität, sagte Schavan am Donnerstag auf dem 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig. Vielmehr schaffe sie Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und überwinde die Gleichgültigkeit vieler Menschen. Barmherzigkeit trage so entscheidend dazu bei, dass aus einer Gesellschaft ein Gemeinwesen werde, sagte die Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl.

Schavan forderte, Barmherzigkeit und Nächstenliebe müssten grundlegenden Ziele von schulischer Bildung sein. Das schaffe eine Kultur, die Gemeinwesen möglich mache und zeige die Liebe Gottes zu den Menschen, so die frühere Bundesbildungsministerin bei der Diskussion über die Barmherzigkeit der Religionen.

Zugleich rief die Theologin zu einer "Ökumene der Barmherzigkeit" etwa in der Flüchtlingshilfe auf. Notwendig sei das Gespräch der Religionen auch und gerade bei der Frage, wie Religionen helfen könnten, Frieden auf der Welt zu stiften und zu sichern. Ganz sicher werde dort kein Friede gestiftet, wo keine Barmherzigkeit praktiziert werde.

Der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide betonte, Barmherzigkeit sei grundlegend für den Islam, ja sogar die Bezeichnung für Gott schlechthin. Über 560 Mal komme der Begriff im Koran vor. Der Islam gehe von einer mütterlichen, bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen aus, und der Mensch selbst sei Werkzeug Gottes für Gottes Barmherzigkeit.

Leider gebe es nach wie vor Strömungen im Islam, die den Koran als Monolog Gottes zu den Menschen und nicht als Kommunikation beider Seiten verständen, so der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster. Sie wehrten sich auch gegen eine historisch-kritische Theologie, wie sie die Islamwissenschaft gerade in Deutschland aufbaue und betreibe.

Khorchide bezeichnete die in den Islaminstituten in Deutschland betriebene Theologie als eine "Chance" für den Islam. Vielleicht werde einst die Geschichte zeigen, wie sehr sich der Islam durch sie gewandelt habe. Große Hoffnungen setze er auf die Ausbildung der Imame. Hier gebe es schon jetzt Anfragen auch aus dem Ausland.

jsw/baj

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