Logo & Link zu der Startseite

 

Katholikentag

Mannheim 16.-20. Mai 2012

Mitten in dieser Welt (1968 bis 2010)

Katholikentage leben Pluralität und suchen den Dialog 

Punks und Nonnen, Sexualmoral und Ökologie, Ökumene und interreligiöser Dialog: Die Katholikentage der vergangenen Jahrzehnte blieben ihrer Tradition treu und nahmen die Impulse der sich verändernden Welt auf, diskutierten und kritisierten. Als 1998 in Mainz das 150. Jubiläum der Katholikentage gefeiert wurde, kommentierte wenige Wochen zuvor der Rosenmontagsumzug das Glaubensfest:
Sympathisch ist das - zweifellos,
doch der Reformbedarf ist groß.

Während des 20. Jahrhunderts begann sich das katholische Milieu allmählich aufzulösen. Dies muss nicht als Niederlage des Katholizismus gedeutet werde, so der Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg. Es kann auch Ausdruck seines Erfolges sein, denn vieles, wofür die deutschen Katholiken kämpften, ist heute Teil der sozialen und politischen Realität der Bundesrepublik. Und so wie das Leben in den Gemeinden wurde auch der Katholikentag vielfältiger und bunter. Daneben machten sich die Aufbruchstimmung im Kirchenvolk und der frische Wind, der in den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils aus Rom wehte, bemerkbar.

Auf dem Essener Katholikentag 1968 verfassten die 4.000 Besucher eines Forumsgesprächs, bei dem es um die christliche Ehe auf Grundlage der zuvor veröffentlichten Enzyklika Humanae Vitae ging, eine Resolution. Darin baten sie den Papst, die lehramtliche Position zur Empfängnisverhütung zu überarbeiten, da sie ihr nach Einsicht und Gewissen nicht folgen könnten. Hier zeigte sich deutlich das neue, nachkonziliare Selbstbewusstsein der Laien. Dabei ist Kirchenkritik nicht antikirchlich, sondern setzt gerade Kirchentreue voraus, wie Hans Joachim Meyer, 1997 bis 2009 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), wie es seit 1952 heißt, betont. Bereits der Publizist Joseph Görres, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Rechte der Kirche gegenüber dem Preußischen Staat verteidigte, wehrte sich gegen "allenfalsigen Despotism" - politische wie kirchliche. So wurde nach dem Berliner Katholikentag 1980 auch die "Initiative Kirche von unten" gegründet, die darum bemüht ist, die Themen der Basis stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Essener Diskussionen veranlassten die Bischöfe 1969 dazu, die Würzburger Synode einzuberufen, bei der Kleriker und Laien gemeinsam über die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils berieten. Einen Einschnitt ganz anderer Art stellt der Freiburger Katholikentag 1978 dar: Damals stieg der Anteil jugendlicher Besucher stark an und mit dem ersten Geistlichen Zentrum, das seither fester Bestandteil der Laienveranstaltungen ist, kam man dem immer größer werdenden Wunsch nach Spiritualität und Liturgie nach.

Der Katholikentag 1968 in Essen hatte unter dem Leitwort "Mitten in dieser Welt" gestanden und wie ernst es den Veranstaltern damit war, zeigt sich in der Entwicklung der Themen: Soziale Fragen und Arbeitsrecht waren Dauerbrenner auf den Katholikentagen. Dann zunehmend Bildungsgerechtigkeit und Mission, gerade in Deutschland nach dem Krieg und in der Diaspora. Später kamen die Menschenrechte, der Einsatz für den Frieden und Europa als Schwerpunkte hinzu. 1952 hatte der Dialog mit der Evangelischen Kirche begonnen, ab 1970 beschäftigte man sich intensiv mit dem Judentum - ein Höhepunkt war die christlich-jüdische Gemeinschaftsfeier 1990 in Berlin - und 1992 wurde in Karlsruhe erstmals ein christlich-islamisches Gespräch veranstaltet. Nachdem es 1971 in Augsburg ein ökumenisches Pfingsttreffen gegeben hatte, luden 1996 das ZdK und der Deutsche Evangelische Kirchentag zum ersten Ökumenischen Kirchentag ein, der 2003 in Berlin realisiert wurde und 200.000 Besucher anlockte. 2010 wurde dieser gemeinsame Weg in München mit dem zweiten Ökumenischen Kirchentag erfolgreich fortgesetzt. Dem Osnabrücker Katholikentag schließlich wurde 2008 erstmals das Zertifikat klimaneutral verliehen. Daneben setzen sich die Veranstalter für fairen Handel, für sozialökonomisches und  nachhaltiges Wirtschaften sowie für biologische und ökologische Produktion ein.

Katholikentage haben sich gewandelt. Sie machen Glauben und Kirche erfahrbar in einer Welt, in der beides nicht mehr selbstverständlich ist. Sie bringen eine christliche Sicht der aktuellen Fragen in die öffentliche Diskussion ein, ohne selbst handeln zu können. Statt Einheit zu demonstrieren, stellen sie den Katholizismus als bunte, bewegte Vielfalt dar. Statt ausschließlich Vorträgen zu folgen, wird Raum geschaffen für Dialog - untereinander und nach außen. Was bleibt, ist die Auseinandersetzung mit der Welt im christlichen Geist und die Erfahrung einer Glaubens- und Weggemeinschaft.

Text: Ruth Nientiedt / glx

Otto-Beck-Straße 34. D-68165 Mannheim
Postfach 10 08 06. D-68008 Mannheim

Tel.  +49 621.76 440 0
Fax  +49 621.76 440 111