Höret die Kirche (1913 bis 1966)

Katholikentage stoßen an ihre Grenzen und wenden sich nach innen
Am Vorabend des ersten Weltkriegs hatte der deutsch-französische Katholikentag in Metz ein Zeichen für die weltweite Zusammengehörigkeit der Katholiken gesetzt und appellierte noch 1921 in Frankfurt an den "Völkischen Gemeinschaftsgeist", so das Leitwort. Zu der Schlusskundgebung in Nürnberg strömten 1931 250.000 Besucher - sie wurde erstmals von allen deutschen und österreichischen Rundfunksendern übertragen. Der Nationalsozialismus verbot die Laientreffen ab 1934. Dabei stellte sich die Frage: Was dürfen Laien überhaupt?
Seit 1848 hatten die Katholikentage fast jährlich stattgefunden. Organisiert wurden sie ab 1868 von einem Zentralkomitee, das jedoch im Kulturkampf aufgelöst werden musste; 1898 wurde es wieder eingesetzt. Inzwischen hießen die Katholikentage "Generalversammlung der deutschen Katholiken" und brachten damit ihren Anspruch zum Ausdruck, den gesamten deutschen Katholizismus zu repräsentieren. Der Versammlung selbst stand ein dreiköpfiges Präsidium vor, in dem seit 1920 auch Frauen waren. Seitdem hatten Frauen auch das Recht, Vorträge zu halten. Die Bezeichnung "Katholikentag" setzte sich in den 1920er Jahren durch. Bis 1912 waren die Katholikentage häufig zu Gast in Mainz, München, Würzburg, Köln, Düsseldorf und Freiburg, aber auch in Breslau, Danzig, Straßburg, Wien, Prag und Salzburg.
Von Anfang an wurde der weltliche Stand der Vorsitzenden der Generalversammlungen betont. Gleichzeitig griff man nicht in den Aufgabenbereich der Bischöfe ein und begründete die Generalversammlungen nicht theologisch, sondern pragmatisch, orientiert an den damaligen Missständen. Doch obwohl reformorientierte Stimmen in der Anfangszeit auf den Katholikentagen nicht vertreten waren - wie beispielsweise die liturgische Bewegung -, konnten manche Bischöfe mit dem Tatendrang der Laien nicht umgehen. Den Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Frage nach der Rolle der Laien bildete der Münchener Katholikentag 1922. Dort rief Kardinal Faulhaber in dreiundzwanzig Reden zu Gehorsam gegenüber den Bischöfen auf. Auch lehnte er die Weimarer Republik ab, da sie aus einer Revolution hervorgegangen war und die göttlich legitimierte Monarchie gestürzt hatte. Als Konrad Adenauer als Präsident des Katholikentags diese Abneigung gegenüber der Demokratie kritisierte, veranlasste Faulhaber, dass Adenauer der übliche päpstliche Orden verweigert wurde. Der Kardinal wehrte sich gegen ein "Laienregiment", wie er es nannte, und wollte die Katholikentage auf Exerzitien reduzieren - erst das Zweite Vatikanische Konzil nahm eine Neubestimmung der Laien in der Kirche vor, indem es vom alle Gläubigen umfassenden Volk Gottes ausging und die Laien dezidiert dazu aufrief, die Kirche aktiv mitzugestalten.
Tatsächlich verschob sich der Schwerpunkt der Katholikentage ab den 1920er Jahren auf religiöse Themen - unter anderem, weil einige der früheren Ziele erreicht worden waren. Dies drückt sich auch in den Leitwörtern aus, die in dieser Zeit üblich wurden: "Katholische Grundsatztreue" (1924), "Höret die Kirche" (1925), oder "Christus der König" (1932). Diese Verinnerlichung barg allerdings die Gefahr einer Entpolitisierung. Erst der Nationalsozialismus schuf ein neues Bewusstsein dafür, dass Christsein nicht nur im Kämmerlein gelebt werden kann, sondern in die Gesellschaft hinein wirken muss. Im sogenannten Dritten Reich waren Katholikentage verboten. 1934 hatte Hermann Göring ein Treuebekenntnis zum Reich gefordert, dem sich der damalige Präsident des Zentralkomitees, Alois Fürst zu Löwenstein, verweigerte.
Der erste Katholikentag nach dem Krieg feierte in Mainz 1948 gleichzeitig das 100-jährige Jubiläum und rief mit seiner Devise "Nicht klagen, handeln!" zu mehr Engagement aus dem christlichen Geist heraus auf. Dabei ging es ganz konkret um den Wiederaufbau, aber auch darum, sich das Versagen gegenüber den Juden einzugestehen und sich entschieden für einen demokratischen Staat einzusetzen - die Bundesrepublik Deutschland. Da die katholischen Vereine und Gewerkschaften sowie die Zentrumspartei der Gleichschaltung der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen waren, wurden die Diözesen die Säulen der katholischen Neuorientierung, bis sich die Verbände wieder etabliert hatten. Auch auf den Katholikentagen dieser Jahrzehnte, die ab 1952 nur noch alle zwei Jahre abgehalten wurden, machte sich dies in Form einer sehr engen Zusammenarbeit mit den Bischöfen bemerkbar. Bis zum Mauerbau verbanden die Katholikentage darüber hinaus Ost und West. 1958 waren nach Berlin allein 80.000 DDR-Bürger gekommen; 1962 durften sie bereits nicht mehr teilnehmen. Die Besucherzahlen der Nachkriegszeit waren immens: In Köln nahmen 1956 700.000 Menschen an der Schlusskundgebung teil.
Text: Ruth Nientiedt / glx



