Logo & Link zu der Startseite

 

Katholikentag

28. Mai bis 1. Juni 2014 in Regensburg

Welche Freude, Katholik zu sein (1848 bis 1912)

Katholikentage demonstrierten Einheit und kämpften für Emanzipation

Politische Trinksprüche, die in die offiziellen Berichte aufgenommen wurden, prunkvolle Bankette und Huldigungstelegramme an Papst und Kaiser - die frühen Katholikentage sind uns heute fremd. Auch das Publikum war ein anderes: kaum Jugendliche, Frauen nur als passive Zuhörerinnen, dafür ein Drittel Kleriker. Aber hatte nicht auch die Welt damals ein ganz anderes Gesicht?

Der Historiker Jürgen Osterhammel bezeichnet das 19. Jahrhundert als "Verwandlung der Welt". Eine standardisierte Zeitmessung ermöglichte die Arbeit nach Stechuhr, Eisenbahnen und Telegraphen ließen Entfernungen dahinschmelzen, die Industrie riss Heim und Arbeitsplatz auseinander und erfand die Freizeit, die Arbeiterklasse entstand in Abgrenzung zum Bürgertum und Massenarmut stellte die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Allerorten organisierte man sich: in Parteien, Gewerkschaften und Vereinen.

Politisch war gerade Deutschland in einer Umbruchsphase. 1792 hatte die Französische Revolution einen Ruf nach Freiheit, Verfassung und Menschenrechten angestoßen. Dieser wurde in der Revolution von 1848 auch in Deutschland laut. Er mündete in ein gesamtdeutsches Parlament, das in der Frankfurter Paulskirche um eine Verfassung und einen Nationalstaat rang - und scheiterte. 1871 wurde dieser Nationalstaat geschaffen - als Deutsches Kaiserreich, dominiert vom protestantischen Preußen.

Die Katholiken saßen zwischen allen Stühlen. Sie waren eine Minderheit, deren Rechte eingeschränkt waren, und die einen Großteil ihres Einflusses durch Napoleons Enteignungen verloren hatten und sie waren Patrioten, denen man wegen ihres Bewusstseins als Weltkirche Staatsfeindlichkeit unterstellte. Da der Papst im 19. Jahrhundert dreimal aus dem Kirchenstaat vertrieben und das Papstamt durch die Aufklärung wie noch nie zuvor in Frage gestellt worden war, unterstützte man den Pontifex umso mehr. Papst Pius IX. reagierte 1870 auf diese Anfeindungen mit dem Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit und sagte dem sogenannten Modernismus den Kampf an, was seine Gegner zusätzlich provozierte. Der Historiker Thomas Nipperdey deutet diesen Machtverlust der Kirche als eine Befreiung, die die Kirche neu spiritualisierte und die eine ungeahnte Laienaktivität freisetzte.

Der erste Katholikentag tagte 1848 als Generalversammlung der Katholischen Vereine Deutschlands. Damals stand vieles, das heute selbstverständlich erscheint, auf dem Spiel. Es ging darum, die Religionsfreiheit und die Freiheit der Kirche bei der Ernennung von Bischöfen oder dem konfessionellen Religionsunterricht durchzusetzen und eine Antwort auf die brennenden sozialen Fragen zu finden, die die Industrialisierung aufgeworfen hatte.

Als geschlossenes Milieu, das Arbeiter und Bürger verband, machte sich der deutsche Katholizismus alle neuen Formen der Einflussnahme zu eigen. Innerhalb weniger Jahre entstanden tausende katholischer Vereine, die sich für Bildung, Caritas und Kirchenfreiheit einsetzten. Mit der Gründung der Zentrumspartei 1870 trug man insbesondere die katholische Soziallehre in den Reichstag. Auch Arbeitermärsche wie auf dem Düsseldorfer Katholikentag 1908, bei dem 60.000 Männer mitliefen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Dies alles begleitete und verbreitete die anwachsende katholische Presse. Da die Französische Revolution eine antikirchliche Wendung genommen hatte, war der damalige Katholizismus demokratiefeindlich. Dennoch wurde er aus pragmatischen Gründen im Reich eine wichtige Stütze der Demokratisierung. Die Kehrseite davon war, dass gerade die Katholikentage dieser Zeit als "Heerschau" der Zentrumspartei wahrgenommen wurden.

Die Entwicklung des Laienkatholizismus im 19. Jahrhundert in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Die Religionsfreiheit und die Freiheit der Kirche wurden durchgesetzt und der Papst reagierte auf die Bitte des Vorbereitungskomitees des Danziger Katholikentags um eine Stellungnahme zur Sozialen Frage mit der ersten Sozialenzyklika überhaupt und bestätigte damit die deutschen Lösungsansätze: eine Verbindung genossenschaftlicher Selbsthilfe und staatlicher Sozialgesetzgebung. Der Kulturkampf, der den Höhepunkt der staatlichen Repressionen darstellte, scheiterte und der Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen, nahm seinen Anfang. Die Katholikentage waren in dieser Zeit zentrale Plattformen engagierter Laien: Man tauschte sich aus, gründete neue Vereine, trat in Dialog mit der Zentrumspartei, diskutierte soziale Probleme und verfasste Resolutionen. Man ließ den Worten Taten folgen, bekräftigte sich gegenseitig in seinem Ringen für die Kirche und erlebte, "welche Freude es sei, Katholik zu sein", wie ein Redner 1853 formulierte.

Text: Ruth Nientiedt / glx

Mein Katholikentag

Zur Geschichte der Katholikentag

99. Deutscher Katholikentag
Regensburg 2014 e.V.

Im Gewerbepark C 55. D-93059 Regensburg
Postfach 30 01 12. D-93035 Regensburg
Tel.  +49 941.584 390 0
Fax  +49 941.584 390 111