
Nehmt die Frauen ernst
SOLWODI-Gründerin Lea Ackermann im Gespräch
Schwester Lea Ackermann kämpft für die Rechte der Frauen. Seit 1985 setzt sie sich mit ihrer Organisation SOLWODI (Solidarity with Women in Distress - Solidarität mit Frauen in Not) gegen Zwangsprostitution, Menschenhandel und Beziehungsgewalt ein. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von SOLWODI hilft sie betroffenen Frauen, ihre eigenen Wünsche und Ideen zu verwirklichen. Auch die katholische Kirche muss Frauen mehr Chancen und Möglichkeiten einräumen, findet die Ordensschwester, die Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ist.
katholikentag.de: Liebe Schwester Lea, was bedeutet Ihr christlicher Glaube für Ihr Engagement?
Ackermann: Ich bin davon überzeugt, dass die Schöpfung von Gott kommt und wir Menschen Gottes Geschöpfe, seine Kinder, sind. Eltern sind normalerweise daran interessiert, dass es ihren Kindern gut geht: Dass sie gesund sind, dass sie erfolgreich in der Schule sind, dass sie einen Beruf erlernen, dass sie den richtigen Partner, die richtige Partnerin finden. Wenn wir Gott unseren Vater oder unsere Mutter nennen, dann dürfen wir auch glauben, dass er an allen Menschen seiner Schöpfung interessiert ist. Ich als Ordensschwester in der Nachfolge Jesu möchte das verwirklichen helfen, was Gottes Wünsche sind. Deshalb tue ich alles, damit an den Rand gedrängte Kinder Gottes eine Chance bekommen - das ist eine normale Konsequenz aus meinem Glauben.
katholikentag.de: Sie treten für die Rechte der Frauen ein. Was ist Ihnen daran besonders wichtig?
Ackermann: Es ist mir wichtig, dass Frauen gleiche Rechte, Chancen und Möglichkeiten bekommen. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." Wir sind Geschöpfe Gottes, und sowohl Mann als auch Frau sind nach seinem Bild und Gleichnis. Darum ist es richtig, dass wir uns dafür einsetzen, dass diese Gleichheit im Alltag zum Ausdruck kommt.
katholikentag.de: Wie sieht es mit dieser Gleichheit für Frauen in der Kirche aus?
Ackermann: Ja, da sieht es oft schlecht aus. Ich empfinde es als große Ungerechtigkeit, eine Sünde gegen den Heiligen Geist, wie Frauen in der Kirche behandelt werden. Denn oft genug werden Frauen überhaupt nicht ernst genommen. Männer im geistlichen Amt haben die Entscheidungen an das Amt in der Kirche gebunden. Die Frauen sind von allen (Weihe-)Ämtern ausgeschlossen und haben darum auch keine Entscheidungskompetenz.
katholikentag.de: Das Leitwort des Katholikentags 2012 in Mannheim ist Einen neuen Aufbruch wagen. Wie stellen Sie sich einen neuen Aufbruch in der Kirche vor?
Ackermann: Ein Aufbruch ist es, wenn Menschen überlegen, wie wir in der Kirche und in der Gesellschaft unseren Glauben zum Ausdruck bringen können. Damit Aufbruch gelingen kann, muss klar werden, dass es keine einseitige Entscheidung von Priestern und von Menschen im Amt gibt, sondern dass auch demokratische Prozesse in der Kirche ihren Platz haben. Der Aufbruch kann nicht nur von den Priestern erdacht und durchgeführt werden. Deshalb bin ich zum Beispiel zwar dafür, dass der Papst auf Reisen geht, aber nicht mit diesem Brimborium, sondern viel einfacher, als Fischermann, als Glaubenszeuge an der Spitze. Ich wünsche mir, dass er dort, wo er hin geht, auf die Menschen hört. Uns Christinnen und Christen wünsche ich offene Augen und Ohren, um die Botschaft Jesu in die heutige Zeit verständlich einzubringen.
katholikentag.de: Was können Priester und Bischöfe von engagierten Frauen lernen?
Ackermann: Viel! Frauen sind sehr kreativ. Zugegeben, Männer sind das auch, aber Frauen konnten bis jetzt ihre Kreativität kaum einbringen. Vor Jahren nahm ich einmal in Amerika an einem Treffen von Theologinnen teil. Eine von ihnen musste früher gehen, weil sie noch einen Gottesdienst feiern wollte, wie sie mir erzählte. Ich war neugierig und wollte wissen, wie sie denn den Gottesdienst mit der Gemeinde feiere. "Wir brechen Brot und teilen Wein aus. Der liebe Gott wird schon sehen, was er daraus macht", hat sie mir geantwortet. Diese Idee fand ich sehr schön! Frauen würden sicher ganz andere Akzente setzen in vielen Bereichen.
katholikentag.de: Sie leiten Ihre Projekte von SOLWODI mit viel Elan und Begeisterung. Was treibt Sie an?
Ackermann: Es sind die Erfolge, die wir mit SOLWODI mit Frauen erreichen. Ein Beispiel aus Kenia: Dort habe ich angefangen, Frauen zu helfen, die völlig verzweifelt waren und in der Prostitution ihren Ausweg suchten. Wir haben gemeinsam überlegt, was sie anderes tun können. Es sind viele Initiativen entstanden. Frauen sind in der Ausbildung sind Automechanikerinnen, Köchinnen, Friseurinnen. Junge Mädchen gehen zur Schule und in der Freizeit singen sie im Chor oder spielen Theater. Einige haben sich zusammengetan, um Fußball zu spielen. Davon hat der Deutsche Fußballbund erfahren, der jedes Jahr zu einem Internationalen Trainerlehrgang einlädt. Seit drei Jahren nehmen daran auch immer zwei unserer Fußballerinnen aus Kenia teil. Einige habe ich gefragt, was sie jetzt nach dem Kurs machen möchten. Im vergangenen Jahr war eine junge Frau dabei, die davon träumte, einen Friseursalon zu eröffnen. Wir von SOLWODI haben ihr das ermöglicht. Zuerst hat sie im Friseursalon einer Freundin gearbeitet und jetzt, ein Jahr später, hat sie einen eigenen Laden. Solche Erfolge machen mich ungeheuer froh. Das ist mein Antrieb: Das, was in den Frauen und Mädchen steckt zu unterstützen, damit ihre Ideen zum Durchbruch kommen und sie ihr Leben selbst gestalten können. In unserem neuen Buch "In Freiheit leben, das war lange nur ein Traum" haben wir weitere Beispiele unserer Arbeit zusammengetragen.
Interview: Hannah-Magdalena Pink / apf / glx
Bild: SOLWODI e.V.







