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Katholikentag

Mannheim 16.-20. Mai 2012

Aufbruch bedeutet Rückkehr zur Dynamik des Konzils

Alois Glück über den neuen Aufbruch 

Seine Armbanduhr legt sich Alois Glück in Sichtweite aufs Rednerpult. Denn es ist ein weites Feld, auf das der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen geht: Einen neuen Aufbruch wagen ist der Abend in der katholischen Bildungseinrichtung überschrieben, das Publikum besteht aus etwa 60 Personen - grau als Haarfarbe im Saal dominiert. Über die Situation der katholischen Kirche und der Gesellschaft, über das Verhältnis von Bischöfen, Priestern und Laien und über den Dialogprozess in unserer Kirche, soll es gehen - ohne einen Zeitmesser kommt man da leicht viel zu weit hinaus. 

Denn allein die derzeitige Situation der Kirche zu erklären, kann Stunden dauern. Glück macht es kürzer und bringt ein Bild: Die katholische Kirche in Deutschland sei an einer Weggabelung. Drei Möglichkeiten stünden offen: zum einen die Resignation. "Ich bin erschrocken, als ich gesehen habe, wie viele resigniert haben, wie viele verletzt und frustriert waren", sagt er über seinen Anfang beim ZdK. Aber dies könne nicht "unsere Position als Christen" sein. Der zweite Weg sei der Wunsch nach der kleinen Herde. "Man darf diese Strömung nicht unterschätzen", so Glück. Es sei aber ein Verrat am missionarischen Auftrag der Kirche, so zu denken. Der dritte und für den ehemaligen bayrischen Landtagspräsidenten einzig gangbare Weg ist den neuen Aufbruch zu wagen. Dazu gehöre es, den "unglaublichen Vertrauensverlust" durch den Missbrauchsskandal, wieder wett zu machen. Dies gelänge aber nur, wenn man sich auf die Menschen einlässt, auf sie zugeht und für die nötige Transparenz sorgt. Beim Missbrauchsskandal zumindest reagierten die Bischöfe, so Glück, letztlich angemessen. 

Die Zäsur für die Kirche ist aber weit früher zu suchen: "Die Kirche hat früher das Milieu geprägt und das Milieu die Kirche. In dem Maße, wie Milieus ihre Bindekraft verloren, ging auch die Bindekraft der Kirche zurück." Das Zweite Vatikanische Konzil, das von manchen als Ursache für den Rückgang der Kirchlichkeit gewertet wird, sieht Glück gänzlich anders: "Ohne die Veränderung des Konzils wäre die katholische Kirche heute nur noch eine Sekte am Rande." Die vergangenen 20 Jahre seien, gemessen am Zweiten Vatikanum, ein Rückschritt gewesen. Der Aufbruch bedeute, zurück zu kommen zur Dynamik des Konzils. 

Momentan erlebten wir eine Polarisierung: "Ich glaube, wir werden in eine Phase hineingehen, wo es mehr Spannungen in der Kirche gibt." Zwar müsse die Kirche kein Harmonieverein sein. Allerdings brauche sie eine besser Gesprächskultur, er vermisse eine Kultur des Streits und der Debatte. Die Grundlage dafür sei, der Respekt vor dem Anderen und dem Anderen auch zuhören zu können. "Ich hoffe, dass uns dies beim Katholikentag gelingt."

Glück wiederholte auch, was er schon an manchen Stellen gesagt hatte: Dass sowohl die strukturellen Fragen in der Kirche, als auch die geistliche Erneuerung angegangen werden müssen. Beides ist für ihn kein Widerspruch. Den Dialogprozess, bei dem der Katholikentag in Mannheim ein erster Meilenstein sein soll, sieht er momentan als Lernprozess, ein "sich auf den Weg machen". Glück erkennt aber auch die Gefahr, dass, wenn nichts passieren sollte, die Stimmung in zwei oder drei Jahren in eine große Frustration umschlägt. Kritisch gesehen wurde der Prozess von Stimmen aus dem Publikum. "Wie kann der Dialog gelingen, wenn eine Seite, die Bischöfe, das letzte Wort haben", so eine der Fragen. 

Die Gesellschaft heute stecke, so der oberste Vertreter der Laien in Deutschland, im Kern in einer Systemkrise. Unsere Art zu leben sei nicht zukunftsfähig, sprich längerfristig nicht tragbar. Über die Krise werde aber auch die Bedeutung von Werten entdeckt. So seien beim Wirtschaftstreffen in Davos 2010 erstmals auch Vertreter der Religionen eingeladen gewesen. In diesen Zeiten werde der "Wert von Vertrauen" wiederentdeckt. 

Der Abend hat auch durchaus nachdenkliche Töne. Auf viele Fragen habe auch er keine "Patentantwort", so Glück. Er sei in seinem Leben immer ein Suchender gewesen. 

Text: Thomas Arzner 

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