Leitwort: Einen neuen Aufbruch wagen
Der Katholikentag hat sich ein Leitwort gewählt, das bei vielen Menschen eine spontane Resonanz auslösen dürfte. Wem fällt es schon leicht aufzubrechen, wenn damit nicht der Beginn eines Sonntagsausfluges, sondern der Anfang eines neuen Lebensabschnittes gemeint ist? Wer stellt sich mit reiner Freude der Notwendigkeit eines Aufbruches, der die Aufgabe des bisherigen Lebensumfeldes, den wahrscheinlich endgültigen Abschied von bisher tragenden Beziehungen und ein hohes Maß an Umstellungsbereitschaft bedeutet? Es ist nur allzu verständlich, wenn sich Menschen ausgesprochen schwer damit tun, beispielsweise mit einem Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel bekannte Wege zu verlassen und in Unbekanntes aufzubrechen.
Das Wagnis eines neuen Aufbruchs geschieht in der katholischen Kirche Deutschlands mit Blick auf die Belastungen und Verwerfungen des "Skandaljahres" 2010 in großer Nachdenklichkeit und mit einem tastenden Dialog zwischen Laien und Klerikern, Verantwortungsträgern und "einfachen Gläubigen" im Volk Gottes. Dieses Jahr hat auch gezeigt, dass bislang scheinbar nur von wenigen Rissen durchzogene kirchliche Beheimatungsräume regelrechte Aufbruchspalten zeigen. Zudem erleben wir, wie nach Jahren eines inneren Auszugs zahlreiche Menschen nicht mehr nur aus den Randbereichen, sondern vor allem aus der Herzmitte des Katholizismus, aus den vermeintlich glaubensnahen Milieus die Kirche verlassen haben.
Am Anfang der Vätergeschichten Israels steht Gottes unmissverständliche Aufforderung an Abram zum Aufbruch (Genesis 12). Wer daran glaubt, dass Gott seither nicht mehr aufgehört hat, mit uns im Dialog zu sein und sich uns durch die Zeichen der Zeit mitteilt, uns "durch die Wirklichkeit umarmt", der beginnt zu ahnen, was mit dem „neuen Aufbruch“ gemeint sein könnte. Es ist die Aufforderung Jesu an den Fischer Petrus und die anderen Jünger, nach anstrengendem, aber ergebnislosem Abmühen noch einmal auf die "hohe See" hinauszufahren und nun bei Tag die Netze auszuwerfen (Lukas 5,4). Eine Verheißung auf reichen Fang wird nicht ausgesprochen. Die Jünger sollen allein seinem Wort vertrauen.
Petrus und die anderen Jünger stehen für die heutige Kirche. Sie muss sich trauen, allein auf SEIN Wort hin aufzubrechen und auf die "hohe See" hinauszufahren, dorthin, wo es nichts mehr vom bisher Tragenden gibt und jedes Absicherungsdenken an seine Grenzen kommt. Dorthin, wo sich die Frageperspektive ändert. Nicht mehr: wo wollen wir hin mit all unseren Seelsorgsplanungen und mittelfristigen Absicherungsstrategien, und mancher Maßnahme, die eine Art gesicherte Zukunft als Alternative zum Aufbruch anbietet? Sondern:
Wie leben wir in der unmittelbaren Gegenwart Kirche und wo will Jesus mit uns als Kirche hin?
Der ehrlichen Bestandsaufnahme "wir haben uns die ganze Nacht geplagt und nichts gefangen" folgt das Wagnis zum neuen Aufbruch (Lukas 5,5), der schließlich im Erleben eines völlig unerwarteten, überreichen Fischfangs in der Berufung der ersten Jünger mündet. Aus heutiger Perspektive lässt sich dies dahingehend deuten, dass im Wagnis des neuen Aufbruchs eine Begegnung mit Menschen stattfindet, die bislang bestenfalls am Rande des kirchlichen Wahrnehmungsfeldes standen: mit Menschen, die sich ihrerseits immer wieder dem Wagnis des Aufbruchs stellen, Menschen, die Neues in ihrem Leben ausprobieren, Menschen, die zwischen festgefügten Lebenswelten beheimatet sind.
Nichts ist mit Blick auf das Motto des Mannheimer Katholikentages mehr zu wünschen, als dass die katholische Kirche in Deutschland sich ergebnisoffen und mit einem neuen Blick auf bisherige Sicherheiten in den Aufbruch hinein wagt und so all jenen ein kraftvoll lebendiges Gegenzeugnis gibt, die sie längst für erstarrt halten.
Text: Stefan-Bernhard Eirich, Rektor im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)




