Kardinal Kasper: Gottesfrage in den Mittelpunkt rücken

- Kardinal Walter Kasper wirbt für Umkehr und Erneuerung der Kirche. Bilder: Isolde Fugunt
Der frühere Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Walter Kasper, hat dazu aufgefordert, die Gottesfrage neu in den Mittelpunkt zu rücken. "Wir sind in der Krise, weil Gott in unserer Welt immer mehr ein Fremder wird", sagte Kasper am Freitag auf dem gut besuchten Podium "Crisis? What Crisis?". Der Missbrauchsskandal sei nur Anlass, aber nicht Ursache der derzeitigen schwierigen Situation. "Das eigentliche Problem ist, dass die Gottesfrage überhaupt nicht mehr interessant ist. Deswegen tun Umkehr und Erneuerung not."
Der Kurienkardinal räumte ein, dass die Kirche in Mitteleuropa momentan ihren größten Umbruch seit Mitte des 19. Jahrhunderts durchleide. Die milieugestützte Volkskirche, die Großes geleistet habe, erlebe derzeit ihr Ende. "Wir stehen erst am Anfang eines epochalen Umbruchs", hob Kasper hervor. "Die Kirche wird in 10 oder 20 Jahren völlig anders aussehen als heute." Die neue Gestalt der Kirche werde sich wieder mehr der Urkirche annähern, sagte der Kardinal voraus, nämlich "mit kleinen, von Laien getragenen Hauskirchen und Basisgemeinschaften in einer legitimen Vielfalt".
Ausdrücklich warnte Kasper vor einer "Überanpassung an die Welt", weil die Kirche in Deutschland manchmal schon zu gut eingerichtet sei. "Jesus Christus ist nicht gekommen, damit wir uns gemütlich einrichten", mahnte der Kardinal. "Die Krise ist für die Kirche Normalzustand."

- Religionssoziologe Franz-Xaver Kaufmann.

- Bestsellerautor Matthias Matussek.
Kaufmann: Krisen können kreative Prozesse generieren
Der Religionssoziologe Franz-Xaver Kaufmann bescheinigte der kirchlichen Hierarchie „eine offenkundige Verlegenheit“ angesichts des Missbrauchsskandals. Die Kirchenverbundenheit sei stark zurückgegangen, Erosionserscheinungen seien unübersehbar. Das Katholisch-Sein sei zu einer Nebensache geworden. „Die kirchliche Herrschaftsideologie ist im Barockzeitalter stehen geblieben. Es herrscht ein wohlwollender Paternalismus“, so Kaufmann. Die Sakralisierung des Papsttums und des Klerikerstandes sowie die zunehmende Zentralisierung der Kirche führten zur rückläufigen Zustimmung in Deutschland. Das Verdunsten des Glaubens sei insofern einem hierarchischen Kirchenverständnis geschuldet, das für sich eine sakrale Aura in Anspruch nehme. „Trotzdem braucht die Kirche nicht den Untergang zu fürchten, denn Krisen können kreative Prozesse generieren“, fügte Kaufmann hoffnungsvoll hinzu.
Der Hamburger Journalist Matthias Matussek, der im vorigen Jahr mit seinem Bestseller „Das katholische Abenteuer – eine Provokation“ Furore gemacht hatte, stimmte Kaspers Thesen zu. Er forderte die Kirche auf, „mit der Botschaft der Liebe nach draußen zu gehen“. Über Gott in der Öffentlichkeit zu reden, sei heute provozierend, so Matussek.





